Über Gerstruben

GERSTRUBEN OBERSTDORF

Hoch oben, wo die Wolken die Gipfel der Berge sanft umarmen, liegt das geheimnisvolle Dorf Gerstruben im Markt Oberstdorf – ein Ort, der von der Zeit wie ein vergessener Schatz in den Alpen bewahrt wurde. Auf 1155 Metern, am Eingang des malerischen Gerstruber Tal, entlang des Dietersbachs, erhebt sich dieses Bergbauerndorf, das einst stolz elf Gehöfte und eine Kapelle beherbergte. Die Zähne der Jahre haben ihre Spuren hinterlassen, doch noch immer stehen die ehrwürdigen Häuser aus dem 15. und 16. Jahrhundert und flüstern ihre Geschichten. Die Kapelle aus dem 17. Jahrhundert, ein stiller Wächter der Vergangenheit, blickt ehrfürchtig über das Tal, und das „Jakobe-Haus“ hat sich in ein Museum verwandelt, das die Legenden dieser abgelegenen Welt bewahrt.

Doch die Geschichte von Gerstruben ist von geheimnisvollen Nebeln umhüllt. Schon in keltischer Zeit wurde hier gesiedelt. Niemand weiß genau, wann die ersten Menschen den Weg in dieses abgelegene Tal fanden. Es wird auch erzählt, dass später die edlen Herren von Rettenberg, die hoch auf ihrer Burg saßen, die tapferen Walser in dieses abgeschiedene Tal führten, um dort die Siedlung zu erneuern. Nachdem Heinrich von Rettenberg um 1350 starb, ging der Besitz in die Hände der Gebrüder von Heimenhofen über, die das Land teilten – und so fand die erste gesicherte Besiedlung ihren Ursprung in einer Urkunde von 1361.

Die Zeit verging, und Gerstruben erlebte dunkle Jahre, als das Tyroler Gericht Ehrenberg die Bewohner mit seinen strengen Geboten überzog. Doch das Tal atmete immer wieder auf, und im 17. Jahrhundert, als die Pest von den Fluren Oberstdorfs gewichen war, entstand eine kleine Kapelle zu Ehren der Heiligen Maria, die den Glauben der Menschen in den dunklen Wintermonaten erhellte. Der Altar aus dem frühen 18. Jahrhundert ist noch immer ein stiller Zeuge jener Zeit. Doch das Schicksal sollte auch hier nicht ruhen: Im Ersten Weltkrieg wurde die Glocke der Kapelle für Kriegszwecke abgenommen, und 1941, als die Wucht einer Lawine das Dorf heimsuchte, hinterließ sie schwere Schäden an der Kapelle.

Gerstruben blieb bis 1892 von Bergbauern bewohnt, doch die Uhr des Schicksals tickte weiter. Ein geplanter Damm sollte das Dietersbachtal fluten und die Siedlung in einem stummen Wassersee versinken lassen. Doch das Schicksal hatte ein anderes Drehbuch: Der Damm wurde nicht gebaut, und Gerstruben blieb verschont, weil sich zu wenige Stromabnehmer für das Projekt fanden.

Die Jahre vergingen, bis 1896 ein neuer Herr in das Tal kam – Cornelius Wilhelm von Heyl zu Herrnsheim, ein Jagdherr, der das Tal für sich erwarb. Dank seines Weitblicks blieb das wertvolle Erbe von Gerstruben erhalten. Es war ihm zu verdanken, dass die alten Holzhäuser dem Zahn der Zeit widerstanden und noch heute stolz in den Himmel ragen.

Seit 1953 wird das Tal von den „Oberstdorfer Verein der ehemaligen Rechtler“ gehegt und gepflegt, und das Dorf lebt weiter als Museum der Geschichte. Eine historische Sägemühle von 1846, die von den Händen der Vereinten restauriert wurde, murmelt das Rauschen der Vergangenheit in die Stille des Tales. Und so bleibt Gerstruben ein Ort der Legenden – ein Märchen, das von der Magie der Berge erzählt.